„Ich bin nicht behindert, sondern die Gesellschaft behindert mich“. Gesprächskreis mit der gehörlosen SPD-Bundestagsabgeordneten Heike Heubach.

09. Februar 2026

Trotz Abitur und abgeschlossener Ausbildung zur Industriekauffrau musste sie hohe Hürden überwinden, um einen Arbeitsplatz zu finden. Auf über 100 Bewerbungen bekam sie nur eine einzige Antwort, während eine nichtbehinderte Kollegin dafür nur drei Bewerbungen benötigte. Sie empfand dies als „unheimliche Diskriminierung“ und war bitter enttäuscht. Heute sitzt die 46jährige verheiratete zweifache Mutter als erste Gehörlose im Deutschen Bundestag, wo sie für die beste Rede des Jahres 2024 ausgezeichnet wurde.

Die Rede ist von Heike Heubach aus Stadtbergen, die auf Einladung der SPD-Landratskandidatin Ilona Deckwerth am Montagabend in einem Gesprächskreis mit Betroffenen, Mitarbeiterinnen und Verbandsvertretern im Luitpoldparkhotel über das Thema „Inklusion am Arbeitsplatz“ sprach. Dabei kritisierte sie die viel zu lange Dauer der Bewilligung von Fördermaßnahmen und den dafür notwendigen „wahnsinnigen Papierkram“ sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber und forderte eine Beschleunigung und Vereinfachung der Verfahren. Auch die Feststellung des Grads der Behinderung werde für die Betroffenen zunehmend schwieriger und oft hätten sie erst im Widerspruchsverfahren Erfolg, so die Bundestagsabgeordnete. Sie habe den Eindruck, dass es im Land möglichst wenige Behinderte geben solle, was ihr große Angst mache. Den Klageweg vor dem Sozialgericht bezeichnete ein teilnehmender Rechtsanwalt als „ausgesprochen unspaßig“, der „Albtraum“ könne Jahre dauern und machte dafür die personelle Unterbesetzung der Gerichte verantwortlich. Angesicht dieser Hürden stimmten die Teilnehmenden der Feststellung von Heike Heubach zu: „Ich bin nicht behindert, sondern die Gesellschaft behindert mich!“ „Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen von 2009 ist bis heute noch nicht vollständig umgesetzt“, stellte die Referentin fest und auch das Behindertengleichstellungsgesetz müsse erst noch vollständig umgesetzt werden; denn Selbstbestimmung sei ein hohes Gut, „das wir den betroffenen Menschen sichern wollen“, so Heubach. Zudem müsse die Durchlässigkeit zwischen zweitem und erstem Arbeitsmarkt verbessert werden und zwar in beide Richtungen. Behinderte Menschen dürften nicht in Werkstätten abgeschoben werden. Trotz besserer Qualifikationen von Behinderten sei deren Arbeitslosenquote um ein Mehrfaches höher als bei anderen Arbeitnehmern, was von mehreren Gesprächs-teilnehmern bestätigt wurde. Dabei könnten Behinderte mit ihren Stärken „viel Arbeit abfangen“ und eine frühzeitige Teilhabe spare am Ende Kosten und Folgekosten. Zudem wolle ihre Fraktion eine Reform für die Werkstätten anstoßen, „damit bei den Menschen ankommt, was sie zum Leben brauchen“. Bereits in ihrer Begrüßung hatte Ilona Deckwerth, die für das Amt der Landrätin im Ostallgäu kandidiert, auf das „riesige Problem, als Mensch mit einem Handicap einen Arbeitsplatz zu bekommen“, hingewiesen. „Es war Zeit meines Lebens etwas Elementares, wie sich meine Schüler in der späteren Welt bewähren“, so die Studienrätin an Förderschulen und ehemalige Landtagsabgeordnete. Breiten Raum nahm dementsprechend das Thema Berufsberatung und Stellenvermittlung durch die Jobcenter ein. Deren Beratung müsse das gesamte Angebotsspektrum umfassen, „damit die Betroffenen eine Auswahl zur Entscheidung haben“, so MdB Heubach. In der Gesellschaft hebe man zwar die Stärken Behinderter hervor, aber bei vielen Behörden komme das überhaupt nicht an. Daher fordert die Abgeordnete mehr Schulungen für die Sachbearbeiter vor Ort. „Bis ein Sachbearbeiter alles kennt, dauert es bis zu zwei Jahren“, gab sie zu bedenken. Sie verlangt zudem eine deutschlandweite Vereinheitlichung des Antragswesens auf digitalem Weg und erklärte, es dürfe nicht sein, dass man sich „vor Behörden nackt machen muss“. Während ein Teilnehmer eine Lanze für Behindertenwerkstätten brach, kritisierte er „zu viel Verrechtlichung beim Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt, dazuhin wenn ein Betreuer vorhanden sei. Hier müssten zumindest für die Probephase Erleichterungen geschaffen werden, bat er die Referentin. „Wenn Inklusion richtig aufgestellt ist, bieten sich große Chancen“, lautete das Fazit von Ilona Deckwerth nach dem rund zweistündigen Gespräch. Mit der Zusage an die Teilnehmenden, weiter im Gespräch zu bleiben, verband sie zugleich die Ankündigung, dass Heike Heubach im Sommer erneut nach Füssen kommen werde.

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